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Willkommen und Abschied in der Fremde

 

In einem gelebten Leben gibt es vergessene Jahre, auch verlorene Illusionen. Da man solche Jahre nicht zurückholen kann, sollte man seine liebevolle Erinnerung auf solche Jahre richten, deren man sich nicht zu schämen braucht.

Ehe ich auf ein solches Jahr zu sprechen komme, muß ich auf die Vorgeschichte zurückgreifen. Irgendwann Ende der siebziger Jahre fiel die Aufmerksamkeit irgendeines der Oberen auf mich, um einen Bedarf zu decken. Ich war zu der Zeit Philosophie-Lehrer, hatte es mit ausländischen Studenten zu tun, vor allem aus Vietnam, das damals von den USA mit Krieg überzogen war. 1975 konnte dieses kleine Volk seinen Sieg feiern, ich durfte die Glückwünsche unserer Lehrer überbringen, nie werde ich die Siegesstimmung dieser Feier vergessen.

Nun sollte ich Lehrer an der Revolutionsschule im Jemen, in Aden werden. Im Sommer wurde so entschieden, und im September sollte ich in Aden antreten. Zum letzten Einsatzgespräch fuhr ich mit dem Börde-Expreß nach Berlin, am Alex trank ich noch einen Kaffee zur Stärkung, aus dem Radio kam der Schlager des Sommers: „Yes Sir, I can boogie.“ Das war mir die richtige Stärkung für ein Gespräch im Großen Haus. „Nun, was hast du noch für Probleme?“ Auf meinem Zettel hatte ich eine ganze Latte von Problemen, obenan standen zwei, unsere Kinder von 10 und 15 Jahren. Ein Telefongespräch von 5 Minuten brachten die Klärung. Beide wurden in einem Internat des Außenministerium untergebracht. Das war’s schon. Im Börde-Expreß auf der Rückfahrt wurde mir klar, daß ich nicht mal nach meinem Gehalt gefragt hatte.

Es gab auch kaum Zeit für derartige Fragen. Anfang September ging die Reise über Moskau, Kairo, San’a nach Aden am Indischen Ozean. Als meine Frau mit einigem Erschrecken schrecklich schmutzige Kinder auf dem Flugplatz in San’a erblickte, sagte ihr eine erfahrene Dame: „In Aden sehen die Kinder nicht viel anders aus!“ Von den Felsengebirgen Arabiens sackte die Maschine im Sinkflug ab, Aden lag unter uns, eine Stadt, eine Festung, hineingebaut in einen alten Krater, aber offen zum Meer. Wir waren in unserer neuen Heimat. Die Kabinentüren öffneten sich, zum Willkommen lachte die Sonne, auf der Piste herrschten an die 50 Grad Wärme, unsere schwitzenden Gastgeber der Schule schüttelten uns die Hände, das Abenteuer konnte beginnen.

Mein erster Unterrichtstag begrüßte mich schon am frühen Morgen mit feurigem Sonnenlicht. Es ging nach Zingibar, einer kleinen Stadt im Abidjan-Delta, 80 Kilometer östlich von Aden, in der Kornkammer des Südjemen. Ein alter Jeep der Schule mit seinem Fahrer Schamsan, er hieß „Meine Sonne“, holte uns ab, mich als Dozenten und Albert, unseren Arabisten, als Dolmetscher. Aus Aden hinaus ging es über die Wüstenpiste, rechts der Meeresstrand, links die Felsengebirge des Nordens, vorbei an einigen Fischerdörfern, dann in das grüne Flußdelta. In Zingibar die Begrüßung durch den Bürgermeister und den Schulleiter.

Ich nahm alles nur am Rande meiner Konzentration wahr. Endlich stand ich vor meinen neuen Studenten des neuen Lehrgangs. Neunzig Augenpaare blickten auf mich, erwartungsvoll, freundlich, auch ein wenig ängstlich, wie mir schien. In der ersten Reihe saßen die Älteren nach den Sitten des Landes, dann einige Jüngere und im Hintergrund, in der letzten Reihe, die Frauen. Das aber konnte ich nur ahnen, denn ich sah nur die schwarzen Schleier der Sheta, daraus blickten aber dunkle mandelförmige Augen freundlich nach vorn.

Da stand ich nun mit meiner schönen Philosophie, geschöpft aus dem Wissen von Jahrtausenden im Okzident. Wie sollte ich dies in die Hirne, in die Herzen dieser liebenswerten Menschen verpflanzen? Ich mußte mir eingestehen, daß ich mich darauf nicht richtig eingerichtet hatte. Jetzt und fortan kam für mich die Stunde der Wahrheit. Ich mußte etwas sagen, freundlich, aber doch bestimmt. Also begrüßte ich alle von ganzem Herzen, wobei meine rechte Hand nach Landessitte zum Herzen ging. Ich stellte mein Fach vor - Philosophie, arabisch Falsafa. Fast alle schrieben das Wort von rechts nach links auf ihre neuen Hefte und lächelten mich an, als wollten sie sagen - schreiben können wir! Ich mußte noch etwas Programmatisches sagen: „Wir beschäftigen uns mit dem Schönsten auf der Welt“, hier ließ ich eine sprechende Pause folgen, „- dem Menschen. Dazu haben wir viel Zeit - ein Jahr.“

Meine folgenden Worte entsprangen keinem Plan, sondern der menschlichen Neugier. Wer sitzt hier vor mir? Ich schlug vor, daß sich jeder kurz vorstellen möge. Wie wohl in allen Seminaren der Welt blickte jeder zu seinem Nachbarn, aber niemand wollte beginnen. Ein älterer Student aus der ersten Reihe faßte das Gemurmel zusammen: „Wir bitten, daß unsere Gäste sich erst mal vorstellen. Ihr kommt von weit her, wißt sehr viel, von dem wir lernen wollen.“ Dagegen konnten wir nichts sagen, also stellten wir uns vor, Albert und ich. Als wir geendet hatten, bohrten unzählige Fragen nach, Fragen nach unserer Familie, dem Leben in Europa, der DDR, nach dem Sozialismus, nach unserer Reise, nach dem Essen, nach unserer Gesundheit. Es war anrührend, wie ihr Wissensdrang uns persönlich betraf, mit ein wenig Sorge um uns in dieser neuen Welt. Nach geraumer Zeit stand nun wieder die Frage, wer sich als erster Student vorstellen würde. Niemand meldete sich, was für beide Seiten peinlich wurde. Also machten wir erstmals Pause.

In der Pause trat der Sprecher zu uns: „Ihr müßt uns verstehen. Wenn früher ein Europäer, ein Brite, als Kolonialherr zu uns kam und fragte uns, dann gab es nur neue Gefahren für das Dorf, die Familie, für alle. Nach der Pause beginne ich aber.“

Er und alle übrigen begannen nun mit ihrer Vorstellung, Name, Alter, Familie, Beruf ... Wir fragten höflich nach ihrer Zukunft, bei den Älteren nach der Revolutionszeit, denn die lag erst zehn Jahre zurück. Für uns tat sich eine neue Welt auf, mit menschlichen Schicksalen, Wissen, Weisheiten und Hoffnungen und Stolz auf ein befreites Volk, das nun das eigene Leben gestalten konnte. Ein großer freundlicher Mann ist mir noch heute in der Erinnerung lebendig - Ali Nasser: „Ich stamme aus einer Sklavenfamilie, heute bin ich Vorsitzender einer Genossenschaft in EI-Kod, wo eure Jugendbrigade arbeitet. Wir wollen, daß alle Arbeiter 8 Stunden arbeiten, nicht 8 Stunden auf Arbeit sind, damit der Jemen sich selbst ernähren kann. Das verstehen aber nicht alle Menschen, wir müssen es ihnen erklären. Das möchte ich auch auf der Schule lernen.“

Wir konnten nur sagen, daß wir dies gemeinsam lernen wollen.

Als letzte stellten sich die Frauen vor, sie waren Studentinnen, Lehrerinnen, Bäuerinnen, sie wollten viel lernen von den Lehrern aus Kuba, Rußland, China und der DDR.

Der Schulalltag hatte begonnen, mit Höhen und Tiefen, mit Lust und Leid. Drei Episoden sind mir in der Erinnerung geblieben.

Ich hatte mich in den Koran eingelesen. Dazu nutzte ich die Nachtstunden, die genauso heiß waren wie die Tageszeiten. Um etwas Abkühlung zu haben, setzte ich mich vor unsere japanische Klimaanlage, mit dem ersten Ergebnis einer starken Nervenentzündung im linken Bein, die ich noch heute spüre. Und dem zweiten Ergebnis, daß meine Einsatzzeit verkürzt wurde zur Freude meiner Frau, die doch unter der Trennung von den Kindern täglich litt. Aber ich konnte es wagen, im Unterricht den Propheten zu Wort kommen zu lassen.

Araber haben die große Gabe, aus geheiligten Texten liebevoll Reden zu gestalten. Was da nicht alles entdeckt wurde - Erziehung zur Gemeinschaft, Kampf gegen den Zinswucher, heiliger Krieg gegen Elend und Ausbeutung, die große Belohnung in der Zukunft, im Jenseits in paradiesischen Gärten mit silbernen Bächen. Eigentlich war alles für den Sozialismus im Süden des Jemen greifbar nahe, wenn man nur den Worten des Propheten folgte. Da meldete sich eine Studentin selbstbewußt und zornig zu Wort: „Im Koran steht aber auch, schließt eure Frauen fort, schlagt sie bei Unbotmäßigkeit, und das machen die Männer im Jemen noch heute!“ Danach zeigte sie auf einige Männer des Seminars. Große Aufregung und Diskussion über Stunden. Am nächsten Morgen saßen die Frauen in der ersten Reihe, so beschlossen von der Gruppe. Sie saßen da ohne Schleier, und die Schönheit und Anmut arabischer Frauenantlitze überstrahlte alles. Ich konnte nur eines meiner wenigen arabischen Worte stammeln - gamila - schön.

Unser nächstes Thema war die Arbeit in der Menschheitsgeschichte, in der Gesellschaft, im Leben jedes Menschen. Ali Nasser hatte bei Lenin gefunden, daß er 1917 zu den Subbotniks aufgerufen hatte, zur freiwilligen und unbezahlten Arbeit im Sozialismus. Er erklärte sich bereit, an einem Freitag einen Arbeitseinsatz in seiner Genossenschaft vorzubereiten. Daß hieß acht Stunden Tomatenernte oder Kanalbau. Ich meldete mich zum Kanalbau, zur Baubrigade, und konnte mit einer Flasche zeigen, wie man Hohlkehlen in den Wasserkanälen ausrundete, damit es später keine Wirbel und Risse geben konnte. Abends beim Dorffest begrüßte uns der Scheikh, der Dorfälteste, mit großen Gesten und einer langen Rede, er schloß mit den Worten: „Heute danken wir unseren Allemannis für ihre Arbeit und eurem Hitler für die Befreiung von den Briten, den Kolonialherren.“ Fast die ganze Nacht dauerte das klärende Seminar.

Dann das erfolgreiche Abschlußexamen und die Dankesfeiern bis zum Präsidenten des Landes. Beim Examen bekam ein Verkehrspolizist die Frage: „Warum braucht ein Polizist Philosophie?“ Der Prüfling sprang erregt auf und stürmte aus dem Prüfungsraum. Mein Beisitzer und Assistent Achmed sprang hinterher und holte den Prüfling zurück. Er hatte sich beleidigt gefühlt durch die Frage. „Ein Polizist im befreiten Jemen muß die Menschen aufklären und erziehen und nur im Notfalle bestrafen.“ Nach vielen Beispielen aus der Praxis wurde ihm bestätigt - Prüfung bestanden, Note sehr gut.

Zum Abschluß standen wir wieder auf dem glühenden Asphalt der Landepiste von Aden. Kurz vorher hatte mich der Zollbeamte gefragt: „Haben Sie etwas zu verzollen?“, und ich hatte in meiner Zerstreutheit ja gesagt. Denn ich dachte an all die neuen Gedanken und geistigen Reichtümer, die ich in der Schulzeit in diesem fremden Lande gesammelt hatte, ja auch die Anerkennung und Liebe meiner Studenten. Den größten Gewinn hatte ich im Gepäck - die Ehrfurcht vor strebenden Menschen, die uns scheinbar so fremd sind und doch zu dem Wertvollsten ihres Landes, ja der Menschheit gehören.

Als die Maschine abhob und sich über dem Roten Meer ihren Weg in die Heimat suchte, wuchs in mir das Gefühl, daß ich nun wohl den Höhepunkt meines Erdenlebens überschritten hatte, ein Gedanke, der mich noch heute ab und an ergreift.

Dr. Heinz Sonntag 


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