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Er wollte die BRD kennen lernen

Eine Geschichte aus der Nachbarschaft

Helmut wohnte mit seiner Ehefrau und einer Tochter in Halle. Im Hause seiner Schwie­gereltern baute er sich in den sechziger Jahren eine Wohnung aus. Anfangs hatte er mächtige Laufereien, bekam aber dann das notwendige Material zum Ausbau gelie­fert. Mit großem Fleiß schuf er seiner Familie eine Dreizimmerwohnung mit Küche, Bad, Toilette und Korridor. Es wurde eine schöne Wohnung, und die Lebensqualität der Familie wuchs mit diesen Wohnverhältnissen.

Als Kfz-Schlosser arbeitete Helmut seit seiner Lehre in einem städtischen Fuhr­park. Er war ein anerkannter Arbeiter, der auch in Notsituationen, wie starke Schnee­fälle, in seiner Freizeit selbst auf ein Fahrzeug stieg, um die Versorgung der Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Seine Frau arbeitete in einem Lebensmittelgeschäft der Handelsorganisation (HO) als Verkäuferin. Die Tochter ergriff nach Abschluss der 10. Klasse an einer Polytechnischen Oberschule (POS), die Lehre als Stenotypistin in einer Verwaltung. Dort leistete sie eine gute Arbeit und war anerkannt.

Alle drei hatten einen ausreichenden Verdienst, und auch gesundheitlich gab es keine Probleme. Man hätte also denken können, dass sie mit ihrem Leben zufrieden waren.

Es war jedoch nicht so. Helmut hatte arge Probleme. Diese bestanden darin, dass er Verwandte hatte, die in der BRD wohnten. Hin und wieder schrieben sie ihm und schilderten, wie gut es ihnen ginge und welche Urlaubsreisen sie unternommen hät­ten. So waren sie in Bayern zu Bergwanderungen, zum Badeurlaub in Italien und an­deren Ländern sowie im Winter in Österreich. Aus diesen Briefen ging hervor, welche kolossalen Erlebnisse sie hatten und das Bedauern, dass ihre Verwandten in der DDR daran nicht teilhaben konnten.

Helmut bekam von seinem Betrieb so aller drei Jahre einen Ferienplatz in verschie­denen Gegenden der DDR. Öfter war das auf Grund der starken Nachfrage nicht möglich. Finanziell konnten sie es sich aber leisten, über das Reisebüro der DDR nach Ungarn, die CSSR oder nach Bulgarien zu fahren. Das war für Helmut nicht genug. Er wollte unbedingt dahin, wo seine westdeutschen Verwandten hinfuhren. In Kneipen­gesprächen, am Arbeitsplatz und im Wohngebiet brachte er das immer wieder zum Ausdruck. Er reichte auch Anträge zum Besuch seiner Verwandten in der BRD ein, welche jedoch von den staatlichen Dienststellen der DDR abgelehnt wurden. Helmut war darüber sehr erbost und seine Schlussfolgerung war, dass er nicht mehr zu den Wahlen ging. Vertreter der Nationalen Front suchten ihn daher vor den Wahlen auf und diskutierten mit ihm, mit dem Ziel, dass er doch zur nächsten Wahl ginge. Hel­mut lehnte jedes Mal ab und blieb stur bei seiner Meinung. Er sagte ganz unumwun­den: „Ich gehe nur zur Wahl, wenn ich nach der BRD und Italien reisen kann". Dabei blieb es dann auch.

Nun waren einige Jahre vergangen. Die Tochter hatte geheiratet und war aus dem Haus. Der Schwiegervater war gestorben und die Schwiegermutter hatte das Haus an eine Wohnungsgesellschaft verkauft, da Helmut es nicht haben wollte. Mit seiner Frau blieb er weiter in der schönen Wohnung wohnen.

In der DDR bahnte sich die Wende an, die Montagsdemos begannen. Helmut war nicht mehr zu halten. Er, der sonst so relativ stille Mensch, lief jeden Montag zur Demo. Nicht nur Teilnehmer war er, sondern er bestieg eines Tages die Rednertribüne. An­fangs noch zaghaft, dann ruhiger werdend, verkündete er seine Forderungen zur Ab­lösung des Staatsapparates, zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und ließ keinen heilen Faden an der SED. Er selbst war parteilos.

Nun war die Staatsgrenze der DDR zur BRD gefallen. Helmut war einer der ersten der seine Verwandten bei Köln besuchte. Doch so nett wie die Briefe immer waren und auch die Weihnachtspakete, die sie ständig erhalten hatten, so freundlich war der Empfang bei seinen Verwandten nicht. Helmut solle sein Begrüßungsgeld holen und ein paar Tage bei ihnen bleiben, aber dann wollten sie verreisen, und er müsse wieder zurück fahren. Helmut war ganz schön schockiert. Er hatte sich den Empfang anders vorgestellt und damit gerechnet, dass ihn die Verwandten mit in den Urlaub nehmen würden. Seine Frau war schon nicht mitgekommen, da sie keinen Urlaub mehr bekam und sich um ihre kranke Mutter kümmern musste, während er noch mehrere Tage Urlaub hatte.

 

 

Bekümmert kam Helmut von der Reise zurück. Er ließ aber nichts von seinem Rein­fall verlauten, sondern lobte mit hohen Tönen das Leben in der BRD. Nur einem Be­kannten vertraute er sich an.

Mit der Währungsunion am 1. Juli 1990 tauschte Helmut sein Geld um. Endlich harte Währung! Das Umgetauschte war zwar ausreichend zum Leben, aber im Mo­ment hatte er nicht genügend Mittel, um seine angestrebten Reisen zu unternehmen.

Dann kam der 3. Oktober 1990 und mit ihm die Wiedervereinigung. Euphorisch feierte Helmut diesen Tag mit einigen Kumpels. Jetzt war er endlich Bürger der Bun­desrepublik Deutschland und konnte reisen wohin er wollte, wenn er das genügende Geld dazu hatte. Jetzt galt es nur noch zu sparen. Auch das konnte Helmut, denn spa­ren hatte er gelernt, als er seine Wohnung ausbauen wollte.

Aber es kam etwas für ihn Unerwartetes. Seine Arbeitsstelle wurde als städtischer Betrieb aufgelöst. Es wurde eine GmbH daraus. Der Fuhrpark wurde grundlegend erneuert. Die DDR-Fahrzeuge wurden ausgesondert und Fahrzeuge der Bundesrepu­blik eingeführt. Jetzt brauchte man nicht mehr so viel Kfz-Schlosser, also mussten welche entlassen werden. Das betraf in der Mehrzahl ältere Kollegen, unter ihnen auch Helmut. Von einem Tag zum anderen war er arbeitslos. Er, der doch immer gearbeitet und keine Bummeltage hatte! Er war kaum einmal krank gewesen. Sein Weg zum Arbeitsamt war vergebens. Er konnte nicht neu vermittelt werden, da er „zu alt" war.

War er dafür zu den Montagsdemos gelaufen? Hatte er deshalb bei diesen Demos seine Stimme gegen die DDR erhoben? Nein, er wollte ein besseres Deutschland und Reisefreiheit. Nun hatte er die Reisefreiheit, aber nur Arbeitslosengeld, und das war zu gering.

Ab und zu traf er sich mit ehemaligen Arbeitskollegen die auch ihre Arbeit verloren hatten. Es erging ihnen so wie Helmut. Auf einer Parkbank oder vor einem Kiosk mit einer Büchse Bier in der Hand, ließ sich manches leichter erörtern, aber auch leichter vergessen bzw. in ein rosarotes Licht stellen. Aus der einen Büchse wurden mehrere. Das Zusammentreffen geschah öfter und das Geld wurde immer knapper. Schließlich kam Helmut fast jeden Abend betrunken nach Hause. Seine Frau versuchte, ihm ins Gewissen zu reden. Es half aber nichts. Helmut, der früher nur hin und wieder ein Bier getrunken hatte, konnte es nun nicht mehr lassen. Als alles Reden sinnlos war, drohte ihm seine Frau mit der Scheidung. Das war nun doch zuviel. Helmut rastete aus und erstmals in ihrer langen Ehe schlug er seine Frau. Mit mehreren Verletzungen begab sie sich zum Arzt, erstattete Anzeige bei der Polizei und reichte die Scheidung ein. Bedroht von Helmut bekam sie Angst und zog die Anzeige zurück, hielt aber die Scheidungsklage aufrecht.

Daraufhin verließ Helmut die eheliche Wohnung und zog zu einem Saufkumpa­nen. Doch auch dort gab es sehr bald Streit und Helmut stand auf der Straße. Wie sollte es nun weitergehen? Er bekam zwar etwas Sozialhilfe ausgezahlt, das Geld ging aber zum großen Teil für Bier drauf. Abgewrackt, ständig betrunken und mit schwe­ren Durchblutungsstörungen fristete er in Abbruchgrundstücken sein Leben.

Einmal traf er einen früheren Bekannten. Helmut hatte gerade einen lichten Mo­ment, hatte an diesem Tag noch nicht viel getrunken, und so klagte er über sein Leben: „Das, was ich mir von der Wiedervereinigung erhofft hatte, das, was all die Jahre in der DDR mein Wunsch und Bestreben war, nämlich noch andere Länder kennen zu ler­nen, das wurde mir plötzlich mit der Wiedervereinigung versagt, da mir die finanzielle Grundlage fehlte."

Dafür hatte er in der DDR nicht die Teilnahme an den Wahlen verweigert. Dafür war er nicht aktiv bei den Montagsdemos aufgetreten, um jetzt als menschliches Wrack dazustehen. Seine Ehe kaputt, seine Tochter hatte sich von ihm abgewandt. Kein Dach überm Kopf und keine Arbeit, wo er doch früher eine ordentliche Arbeit geleistet hatte und von seinen Kollegen geachtet wurde. Er verstand die Welt nicht mehr.

Beim Abschied sagte er noch: „Mir ist der Sinn des Lebens verloren gegangen." Dabei liefen ihm die Tränen übers Gesicht.

Wenige Tage später fand man Helmut tot in einem Abbruchgrundstück. Er hatte sich das Leben genommen.

Günter Klein


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